Chemnitz digitalisiert lieber per Fax

Anno 1995 erschien die HTML 2.0-Spezifikation, welche das Absenden von elektronischen Formularen erlaubte.
24 Jahre später, im Jahre 2019 entschloss ich mich deshalb als ungeduldiger sterblicher Mensch, bei der Stattverwaltung Chemnitz anzufragen, wie viele der ca. 400 aufgelisteten und über Formular zugänglichen städtischen Dienstleistungen mittlerweile elektronisch zugänglich sind und warum z.B. die "Abmeldung eines Hundes" per Fax (in Deutschland eingeführt 1979) möglich ist und nicht per E-Mail. Die schriftliche Form mit Unterschrift ist ja nur in ganz wenigen Fällen wirklich rechtlich erforderlich. Ebenso interessierte mich, wie viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer denn schon die elektronischen Funktionen auf den Personalausweis (eingeführt 2010) freischalten ließen, um in den digitalen Genuss der vielfältigen Leistungen zu kommen. In Zukunft könnte man sich ja sogar vorstellen, dass der/die elektronisch vernetzte Bürger*in über einen Videochat (der Fernseh-Sprechdienst wurde am 25. März 1936 für den Publikumsverkehr freigegeben) Kontakt zu einem städtischen Bearbeitenden (beide im digitalen Homeoffice oder Co-Working, Rathaus entfällt) aufnimmt.
Die Antwort vom verantwortlichen Bürgermeister Sven Schulze war (wieder einmal), dass man nicht antworten möge, weil ich als Stadtrat eine solche Frage nicht stellen dürfe und zu viel hinterfrage.
Gestern erschien nun das Gutachten der 100 servicefreundlichsten größten deutschen Städte. Chemnitz landet dort auf Platz 91 von 100 bzw. Platz 55 von 56 bei den Großstädten und trägt damit eine der Schlusslichtlaternen. Dresden auf Platz 36 hat es zumindest geschafft, 100 Dienstleistungen zu elektrifizieren und damit zumindest im 21. Jahrhundert, d.h. 2001 anzukommen.
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Gutachten/PDF/2020/Gutachten_Staedteranking_Consult.pdf
Nach der Millionenpleite mit den von den Städten und Gemeinden getragenen IT-Zweckverband KISA wurde nun Mitte letzten Jahres die KOMM24 GmbH gegründet, welche die sächsischen Gemeinden nun unter der Aufsichtsratsführung der Stadt Chemnitz (vertreten durch IT-Bürgermeister Schulze) in eine glänzende digitale Zukunft kapitulieren soll.
Bis es soweit ist kann man also konstatieren, dass die Stadt Chemnitz betreffs elektronische Formulare 25 Jahre verschlafen hat, betreffs Videotelefonie 84 Jahre und betreffs elektronischem Ausweis 10 Jahre. Zumindest das Wunschkennzeichen für das heilige Blechle kann man sich seit 2012 elektronisch aussuchen.
Ursprünglich auf Facebook am 27.02.2020 veröffentlicht.
Zeitgeschichtliche Einordnung
Der Beitrag von Februar 2020 ist polemisch, aber konkret: Er kritisiert nicht „Digitalisierung“ abstrakt, sondern fehlende Online-Anträge, die Nichtbeantwortung einer Ratsanfrage und Chemnitz’ schlechtes Abschneiden im IW/Haus-&-Grund-Ranking. Die Bilder stützen diesen Kontext: historische Videotelefonie als ironischer Maßstab, ein Ablehnungsschreiben der Stadt und die markierte Chemnitz-Platzierung.
Was danach geschah
Kurz nach dem Beitrag wurde die Hundeanmeldung in Chemnitz online möglich; das relativiert den konkreten Hundesteuer-Punkt teilweise, bestätigt aber zugleich, dass der Dienst 2020 erst als „erster Baustein“ startete. Später war auch die Hundeabmeldung online auslösbar, Antwortdokumente sollten jedoch grundsätzlich per Post zugestellt werden. Seit 1. September 2025 verweist Chemnitz für Leistungsbeschreibungen auf Amt24; das alte Portal wird nicht mehr aktualisiert. (kommune21.de)
Einordnung der damaligen Einschätzung
Die Grundkritik wurde eher bestätigt als widerlegt: Deutschland und Sachsen verfehlten die OZG-Frist Ende 2022 deutlich; der Nationale Normenkontrollrat sah keine ausreichende Trendumkehr. Für Chemnitz zeigen spätere Einzeldienste – etwa elektronische Wohnsitzanmeldung ab 2025/2026 – Fortschritt, aber keine vollständige Entkräftung der damaligen Rückstandsdiagnose. (normenkontrollrat.bund.de)
Auch die Skepsis gegenüber KOMM24 erhielt später Nahrung: Der Sächsische Rechnungshof stellte 2024 fest, das Ziel von Bündelung, Konsolidierung, Standardisierung und wirtschaftlicher Ausgestaltung sei nicht erreicht worden; im Mai 2023 seien nur rund 16 Prozent der geplanten Antragsassistenten am Markt gewesen. (rechnungshof.sachsen.de)
Quellenlage
- IW Consult/Haus & Grund, „Servicefreundliche Stadt 2020“: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Gutachten/PDF/2020/Gutachten_Staedteranking_Consult.pdf
- Kommune21, „Chemnitz: Hunde online anmelden“: https://www.kommune21.de/k21-meldungen/hunde-online-anmelden-3/
- Stadt Chemnitz, Dienstleistungsportal „Hund abmelden“: https://www.dienstleistungsportal-chemnitz.de/
- Sächsischer Rechnungshof, Jahresbericht 2024 zu KOMM24: https://www.rechnungshof.sachsen.de/JB2024-B1_Komm24.pdf
KI-generierte zeitgeschichtliche Einordnung, generiert im Mai 2026.