Stadtfest-Absage als Chemnitzer Kapitulation

· Kultur & Kulturhauptstadt, Verwaltung & Stadtrat, Stadtentwicklung & Innenstadt · 5 Min. Lesezeit · Artikel 323 von 497

#Chemnitz#Kulturhauptstadt#Innenstadt#Sicherheit

Nachdem schon seit Wochen entsprechende Gerüchte die Runde machten, wurde gestern das Stadtfest abgesagt. Nach 25 Jahren jetzt offensichtlich für immer. Stadtrat und Bürgerschaft wurden nicht gefragt. Hauptgrund war die angeblich nicht in den Griff zu bekommende Sicherheitslage. Die Kapitulation der Verwaltung und des Staates setzt sich fort, weil man das Gewaltmonopol nicht sicherstellen kann. Dabei hatte doch der Ministerpräsident ein energisches Vorgehen gegen Rechtsextreme angekündigt und offengelassen, ob er damit die Absage, die Stärkung der Zivilgesellschaft und die Förderung des Zusammenhalts, die Reform des Verfassungsschutzes oder den Aufbau von Antifa-Truppen meint.

Weiterhin wurde die "stark beschädigte" Marke "Chemnitzer Stadtfest" angeführt, die jetzt wohl deshalb beerdigt werden muss. Der "imageprägende" und "identitätsstiftende" Sinn und Zweck wäre nicht mehr gegeben. Nun sind Sinn und Zweck eines Stadtfestbesuchs Leute treffen, Halli Galli, Fressen, Saufen, Spaß haben mit der ganzen Familie oder sich über die Preise aufregen. Ganz ohne Identität, Image und Sinnsuche, sondern einfach Frohsinn, Erregung und bisschen Gemecker für alle Bevölkerungsschichten. Das gleiche trifft auch auf den Weihnachtsmarkt zu, dem vielleicht demnächst ebenfalls die Abschaffung droht.

Stattdessen setzt man auf "neue" Formate. Hutfestival, Parksommer, Klassik unter Sternen oder Wirsind-Konzerte richten sich eher ans Bildungsbürgertum. Hier besteht nicht die Gefahr, dass ein grober Landbursche sich mit einem städtischen Drogendealer kabbelt. Beim Am-Kopp steuert man schon durch die Band-Auswahl ein homogenes junges Publikum ein, Modenächte bieten Sicherheit für Leute, die sonst die Innenstadt meiden. Wenn alles schön auseinander dividiert wird, bleiben die Konflikte fern.

So ein Stadtfest bringt stattdessen den Querschnitt der Bevölkerung zusammen und Konflikte lassen sich nicht übertünchen. Also lässt man das einfach weg, anstatt sich um die Ursachen zu kümmern: Fehlendes Gewaltmonopol, Kriminalität bei Flüchtlingen durch Arbeitsverbote, Wegschauen bei Extremismus-Tendenzen in der Stadtgesellschaft. Missstandsmanagement schafft ja auch viele Jobs, bei Herstellern von Videokameras, Opfer- und Drogenberatungsstellen. Die nächste Eskalation wartet schon und es werden weniger statt mehr, die für die Dummheit von Politik und Verwaltung auf die Straße gehen.

Angestrengt arbeitet ausgewählte Gruppe gefälliger Kulturschaffender schon an neuen Formaten, während die Kulturförderung für die unbequemen Freien Kulturträger in 2021 eventuell mal angepasst werden soll. Bis dahin ist weiter Sparflamme angesagt und für kurzfristige kreative Ideen sind einfach keine Mittel da. Außerdem sind ja bald Wahlen und dann kommt der Sommer und dann muss man erstmal sehen, welche Mehrheiten sich bilden. Tausend Gründe, weiterhin nichts zu tun. Wie man die prekäre Lage der Kulturschaffenden nutzt, hat man bei der zusammengewürfelten 875-Jahr-Feier oder bei der Kulturhauptstadt gesehen. Da werden von gut bezahlten Verwaltungsmitarbeitern Mini-Förderungen verteilt, um maximales Ehrenamt für minimale Investition zu bekommen.

In Wirklichkeit hatte man die komplette Organisation des Stadtfests samt wirtschaftlichen Risikos an eine Veranstaltungsagentur ausgelagert, die sich als einzigste für den Auftrag beworben hat. https://www.freiepresse.de/erzgebirge/stollberg/chemnitzer-stadtfest-cwe-lagert-aufgaben-aus-artikel10022278 Durch den Abbruch sind Verluste aufgelaufen, die klammheimlich aus städtischen Mitteln ausgeglichen werden. Nun hat aber gar keine Agentur mehr Lust mit der CWE zusammenzuarbeiten. Sicherheitsfirmen, deren Mitarbeiter völlig frei von politischen Gesinnungen sind, findet man keine. Chemnitzer Händler haben keine Lust, überteuerte Standmieten zu zahlen oder sich mit auswärtigen Anbietern über einen Kamm scheren zu lassen. Alles lösbare Probleme, wenn die Verantwortlichen mal ihre Arbeit machen. Tun sie aber nicht. Stattdessen fliegt man in der Weltgeschichte herum und schwelgt in Größenwahn neuer Veranstaltungsformate und will gar Europäische Kulturhauptstadt werden, ohne die hiesige Freie Szene und die Kultur- und Kreativwirtschaft einzubinden.

Die Situation erinnert irgendwie an den CFC, wo man schon vor Jahren die Fans vergessen hat, von denen mittlerweile viele resignieren und einige wenige durchdrehen. Die welche die Fahne noch hochhalten, nimmt man leider nicht ernst.

Ursprünglich auf Facebook am 21.03.2019 veröffentlicht.

Zeitgeschichtliche Einordnung

Der Beitrag ist eine polemische Reaktion auf die Absage des Chemnitzer Stadtfests 2019. Das mitgelieferte Bild stützt den damaligen Blick auf das Stadtfest als klassisches Volksfest: Essensstände, Innenstadt, gemischtes Publikum, keine kuratierte Hochkultur. Belegt ist: Die CWE sagte das Fest mit Verweis auf Sicherheitsrisiken, beschädigte Marke und fehlende Wirtschaftlichkeit ab; Sören Uhle sprach später von steigenden Sicherheitskosten, sinkenden Einnahmen und einem nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodell. (371stadtmagazin.de)

Was danach geschah

Das alte Stadtfest kehrte nicht belastbar als früheres Großformat zurück. Die „Freie Presse“ formulierte 2023: „Ein Aus für immer, so scheint es“; auch das Bürgerfest habe sich nicht durchgesetzt. Das Bürgerfest war 2019 als Ersatz gestartet, wurde 2022 aber wegen fehlender Mittel, Coronafolgen und erschöpfter Ehrenamtsstrukturen abgesagt. (freiepresse.de) Zugleich entstanden bzw. wuchsen neue Formate: KOSMOS meldet für 2025 offiziell 115.000 Gäste – das belegt Reichweite, aber als Selbstdarstellung nicht automatisch soziale Durchmischung. (kosmos-chemnitz.de) Chemnitz gewann am 28. Oktober 2020 den Kulturhauptstadt-Titel; später gab es aber weiter Kritik an Einbindung, Kürzungen und fehlender Nachhaltigkeit der freien Szene. (germany.representation.ec.europa.eu)

Einordnung der damaligen Einschätzung

Die Befürchtung, dass das bodenständige Stadtfest dauerhaft verschwindet, wurde weitgehend bestätigt. Die Deutung als „Kapitulation des Staates“ bleibt Interpretation; Großveranstaltungen fanden später statt. Die Kritik an Verwaltungsformaten und prekärer freier Szene wurde durch spätere Proteste und Debatten eher bestätigt als erledigt.

Quellenlage

Quellen:

KI-generierte zeitgeschichtliche Einordnung, generiert im Mai 2026.